Region Oberrhein: Im "Yellow submarine" durch den Oberrhein
Was singen junge Franzosen, was die Deutschen, was die Schweizer, wenn's im Wald dunkler wird? Falsch, die Kinder der Trikolore schmettern keineswegs die Marseillaise. Die angebetete "Aisha" des Maghrebiners Khaled kommt zu Ehren, danach noch ein paar Rap-Nummern. Und die Deutschen? Bleiben erst mal stumm. Die Schweizer auch. Aber die sind eh' in der Minderheit beim Forum Junior bei Klingenmünster. Es ist das sechste seiner Art, von Politikern und Verwaltungsbeamten erdacht, um die Jugend in Baden, in der Pfalz, im Elsass und der Nordschweiz zu beteiligen. Aber an was?
An der Gestaltung einer gemeinsamen Zukunft in einer europäischen Region, die viel zu lange zwei Nachbarn - Deutschland und Frankreich - als Schlachtfeld diente und in der ein dritter - die Schweiz- auch heute noch lieber außerhalb der EU-Grenzen bloß ein bisschen dazu gehören möchte. Das gilt freilich nicht für die Grenzregion um Basel, wo man wesentlich Europa-freundlicher ist. Es lag denn auch eher an ein paar unglücklichen Zufällen, dass das Zahlenverhältnis nicht 8:8:8 sondern 9:6:3 lautet; manche sind schon zum zweiten Mal dabei, wie Franziska aus Brücken in der Westpfalz, die beim ersten Mal - während ihres freiwillig sozialen Jahres - als Pfälzerin ins elsässische Woerth fuhr und jetzt, mittlerweile Forststudentin in Freiburg - einen badischen Platz belegt. Neun deutsche, sechs Franzosen und drei Schweizer verbringen diesmal fünf Tage im Südpfälzischen Klingenmünster, um über Natur und Umwelt zu diskutieren, Projekte zu entwerfen und um der Oberrheinkonferenz am Ende einen Forderungskatalog zu präsentieren, der allzu deutlich macht, was alles an den nationalen Schreibtischen zu tun bleibt.
Aber auch um die kleinen Unterschiede kennen zu lernen, die in der gemeinsamen Oberrheinregion ja auch gar nicht verschwinden sollen. Den Brauch des Schoppen-Glases, das in der Abendsonne auf Burg Landeck die Runde macht, finden alle ausgesprochen erhaltenswert. Vor den Brauchtumsstudien ging es allerdings um ganz anderes.
Im Arbeitsraum des Johann-Sebastian-Bach-Hauses sind die Spuren harter Arbeit unübersehbar. An allen Wänden hängen die Papiere, auf denen die 18- bis 21-jährigen zuerst ihre Kritik los geworden sind, um dann ihrer Phantasie freien Lauf zu lassen. Die Phantasie-Phase liebt Peter Dell ganz besonders. der Landauer Politikwissenschaftler, der ein "Beratungszentrum für kommunale Kinder-, Jugend- und Bürgerbeteiligung" mit Namen Kobra leitet, ist in Sachen Forum Junior ein alter Hase, aber jung genug, um inmitten der Teilnehmer gar nicht aufzufallen. "Die sind alle so realistisch, wir haben in dem Alter viel mehr gesponnen", definiert er etwas verblüfft den Hauptunterschied. ein Realismus, der eigentlich erst in Phase drei gefragt ist, für die Ausarbeitung des Forderungenkatalogs, der dann auch auf dem Tisch des rheinland-pfälzischen Gastgebers, Ministerpräsident Kurt Beck, landen wird.
Ihrerseits verblüfft zeigen sich die Forum Junior-Teilnehmer nach dem Erlebnis grenzüberschreitender Realität: Bürgerbefragung in Wissembourg und Schweigen-Rechtenbach. Die Antworten fallen weniger nach Nationalität als nach Alter oder Beruf unterschiedlich aus. Gleichgültigkeit in jeder Hinsicht bei den Älteren, viel Interesse an alternativen Energien - "Natur und Umwelt" ist schließlich das Thema -, auch in Frankreich, Ärger über administrative Hindernisse, ebenfalls keine nationale Angelegenheit.
Trotzdem, den jugendlichen scheint etwas ganz anderes auf den Nägeln zu brennen: Die Integration von ethnischen Minderheiten, aber auch von behinderten, die Verbesserung der öffentlichen verkehrsmittel und die Zweisprachigkeit, deutsch-französisch, vom Kindergarten bis in alle Schulen. Auch wenn am Ende doch Schweizer, Franzosen und Engländer das "Yellow Submarine" besingen, englisch natürlich.
Die Rheinpfalz (Über die Grenzen), 11.08.2000
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